17. Januar 2011 Manfred Such

350 Jahre Marienwallfahrt in Werl

Überführung einer Kopie der Werler Marienstatue ...

Manfred Such 17.01.2011

Offener Brief

Franziskaner Werl
Ev. Wiese-Georgs-Gemeinde, Soest
Präses der ev. Landeskirche von Westfalen Alfred Buß, Bielefeld
Bürgermeister Grossmann und Ratsfraktionen Werl
Bürgermeister Dr. Eckhard Ruthemeier und Ratsfraktionen Soest
Soester Anzeiger

1. 350 Jahre Marienwallfahrt in Werl – Gedenken an die Opfer der „Hexenverbrennung“

2. Überführung einer Kopie der Werler Marienstatue in die Wiesenkirche nach Soest


Sehr geehrte Damen und Herren,

1. 350 Jahre Marienwallfahrt und Marienverehrung in Werl sind in der Tat kein Anlass für feierliche Akte oder ehrendes Gedenken. Das Gegenteil ist der Fall:
Die Werler Marienverehrung ist eng verbunden mit Hexenglaube und Scheiterhaufen.
In seinem veröffentlichten Beitrag „Rosenkranzaltar und Scheiterhaufen“ kommt der Werler Pädagoge und Kirchenforscher, Dr. Rudolf Fidler, zu dem Ergebnis, dass zwischen Hexenverfolgung und Marienverehrung in Werl nicht nur ein zeitlicher, sondern ein innerer Zusammenhang besteht.

Dr. Fidler: „Die Zeitlichen Übereinstimmungen sind m. E. zu auffällig, als dass sie allein mit dem Zufallsprinzip erklärt werden könnten. Sie legen vielmehr den Schluss nahe, dass es zwischen den Phänomenen Marienverehrung und Hexenverfolgung einen inneren Zusammenhang gibt, der als ursächlich für die zeitlichen Überschneidungen angesehen werden könnte.“

Es bestehen offensichtlich jedoch nicht nur eine zeitliche Übereinstimmung und ein innerer Zusammenhang zwischen Hexenverfolgung und Marienfrömmigkeit, sondern auch „Synchronizität und Personalunion“ (Dr. Fidler: Rosenkranzaltar und Scheiterhaufen). Überflüssig, darauf hinzuweisen, dass Rosenkranzbruderschaften oder gar heutige Marienverehrer nicht in einem wie auch immer gearteten Zusammenhang mit Hexenverfolgern stehen, wie Dr. Fidler in seinen Beiträgen meint herausstellen zu müssen. Allerdings unterscheiden sich heute Inhalt und Form der Marienverehrung kaum von der Ideologie, wie sie vor 350 Jahren in Werl von den „Hexenverfolgern“ vertreten und praktiziert wurde. Die Veröffentlichungen in der Werler Tagespresse zur Marienverehrung machen das immer wieder deutlich. Siehe u. a., „Selig ist, die geglaubt hat“ von Pater Ralf Preker, Franziskaner Werl.

Fakt bleibt, dass es die selben Personen waren, die für ein Klima der Verfolgung angeblicher Zauberer und Hexen in Werl verantwortlich waren und die gesellschaftliche Missstände auf das Wirken des Teufels oder als Bestrafung der Sünden der Einwohner von Werl aufgrund des unwandelbaren Willen Gottes zurückführten. Hexenverbrennungen sahen sie neben Gebeten und Andachen (Novenen) sowie das Stiften von Ausstattungsgegenständen für Werler Kirchen (Marienbild, Rosenkranzaltar und Marienstatue) als „Unheil abwehrende magische Strategien“ an (Dr. Fidler).
Als Personen sind zu nennen, der spätere Werler Bürgermeister und der als „verfolgungswütig“ beschriebene Dr. Poelmann, der als fanatischer Lizentiat und Hexenjäger bekannte Werner Binholt sowie der Werler Geschichtsschreiber und ehem. Bürgermeister Hermann Brandis und dessen Verwandter und als fanatischer Hexenrichter aufgetretene Christian Kleinsorge. Außerdem viele namelose Werler Kapuziner Mönche, die damals das Werler Kloster als Vorgänger der Franziskaner führten.

Hermann Brandis, dessen Geschichtsschreibungen die Hexenprozesse ignorieren und die Rolle seines Verwandten Kleinsorge in dem damaligen Hexenwahn beschönigen, und  nach dem zur Schande Werls heute noch immer eine Straße benannt ist, dürfte besonders hervorzuheben sein.  
In seiner Lebenszeit in Werl, in der er als Inhaber von verschiedenen Ämtern als Meinungsführer aufgetreten sein dürfte, wurden nicht nur nach dem oben beschriebenen Muster, durch Stiftung von Ausstattungsgegenständen für Kirchen als Unheil abwehrende Strategien einzusetzen, eine intensive Marienverehrung betrieben, sondern gleichzeitig in verschiedenen Wellen mindestens 70 Menschen ermordet, u. a. auf dem Scheiterhaufen verbrannt. Brandis Name ist eng verbunden mit Hexenwahn und Marienverehrung. Er dürfte an der Überführung der Marienstatue von Soest nach Werl maßgeblich beteiligt gewesen sein. Einwende, es seien auch Hexen von Protestanten verbrannt worden, die nicht mit Marienverehrung in Verbindung gebracht werden können, missachten, dass die erste Ursache von Frauendiskriminierung in der christlichen Religion angelegt ist. Franz von Assisi, der Ordensgründer und als Heiliger verehrter, gibt ein Beispiel zum menschenverachtenden Frauenbild. Franz von Assisi: „Wer mit dem Weibe verkehrt, der ist der Befleckung seines Geistes so ausgesetzt wie jener, der durchs Feuer geht, der Versengung seiner Sohlen.“
In Werl des 17. Jahrhunderts schürten u. a. der o. a. Personenkreis aus religiöser Frauendiskriminierung und Marienverehrung den mordenden Hexenwahn.  
Es dürfte also nicht von der Hand zu weisen sein, dass ein verschrobenes Frauenbild in einer Männergesellschaft, damals mehr als heute, seine Ursachen in religiösen Auslegungen hatte bzw. hat, und es für Frauen als erstrebenswert gehalten wurde, dem angeblichen Vorbild der „Gottesmutter“ „nahe“ zu kommen. In der Inversion dieses Frauenbildes lag die Gefahr, als Hexe diffamiert zu werden. Sich darauf zurückzuziehen, den damaligen „Zeitgeist“ für den Hexenwahn verantwortlich zu machen, lenkt von der Verantwortung der damaligen Meinungsführer in Werl ab und verspottet die Opfer.

Werl hatte damals ca. 2500 Einwohner und war durch Krieg und andere Katastrophen erheblich in Mitleidenschaft gezogen. Zur äußeren Not kam dann noch der durch Werler Amtsträger und Geistlichkeit geschürte Hexenwahn, dem innerhalb von 20 Jahren (1628 – 1648) 70 Menschen zum Opfer fielen und es bis zum 18. Jahrhundert weitere gewesen sein dürften. Welches grauenvolle Klima muss gerade in den Jahren von 1628 bis 1668 in dieser kleinen Gemeinde in Werl geherrscht haben?

Es kann also zu einem Jubiläum, das an diese Zeit erinnert, nicht unerwähnt bleiben, was damals gleichzeitig in Zeiten verstärkter Marienverehrung und der Überführung der Marienstatue von Soest nach Werl geschehen ist.
Die Opfer eines Hexenwahns haben auch noch heute Trauer und Gedenken verdient. Ihr Schicksal sollte auch in einer Zeit, in der Wallfahrten eher mehr folkloristischen Charakter haben und mehr in einen kommerziellen „Mittelaltermarkt“ mit Volksbelustigung passen, nicht vergessen werden und würden einem Event wie „Wallfahrt“ ein schamhaftes Nachdenken über die damaligen Zusammenhänge nicht nur in Werl ermöglichen.

Es verbietet sich, das Grauen zu Zeiten der Marienverehrung in Werl (1628 bis 1668) mit anderen Gräueltaten in der jüngeren Werler Geschichte, (Werler Schandsäule / Judenpogrome) zu vergleichen. Eines haben die Verfolgten und ermordeten Menschen allerdings gemein, sie sind einem Wahn zum Opfer gefallen. Den Opfern des Antisemitismus wird in Werl seit einigen Jahren ehrenvoll gedacht.
Das 350-jährige Jubiläum der Marienverehrung in Werl bietet Gelegenheit, sich ehrenvoll an die Opfer der Hexenverfolgung in Werl zu erinnern und ihnen ihre Würde zurückzugeben. Einige Namen der ermordeten sind noch bekannt. Es wäre zu prüfen, ob in den Archiven der Franziskaner weitere Namen von Opfern zu finden sind. Pauschalgebete sollten als Opergedenken nicht reichen, und 350 Jahre machen auch Mord nicht vergessen!

2. Die Planung, zum Auftakt des Walfahrtsjubiläums eine Kopie der Werler Marienstatue wieder in die Wiesenkirche nach Soest zu verbringen und dort im Rahmen eines ökumenischen Festaktes aufzustellen, hat eher einen trennenden als verbindenden Charakter. Ein solcher symbolischer Akt kann auch als Angriff auf die Ökumene verstanden werden. Mit der Marienstatue gelangt etwas, das die ev. Christen als überwunden glaubten und aus gutem Grund bereits 1531 aus ihren Glaubensvorstellungen verbannten und die Statue als sichtbares Zeichen aus der Kirche entfernten, zurück in ihre Kirche. Ein solcher Akt kann auch als „Schlag ins Gesicht“ der damaligen Gemeinde verstanden werden. Sie wird in ihrer Ernsthaftigkeit für ihre Entscheidung gegen das Marienbild nachträglich lächerlich gemacht. Die ev. Kirchengemeinde in Soest sollte für einen Festakt, der sich gegen ihre Vorgängergemeinde wendet, nicht zur Verfügung stehen.

Die Wiesenkirche in Soest strahlt nicht nur für Christen eine besondere Würde aus. Diese Würde entstand auch aus der mutigen und konsequenten Haltung der damaligen Gemeinde, die sich bewusst gegen ein „Gnadenbild der Gottesmutter“ wandte. Die Würde und die Souveränität des Gebäudes „Wiesenkirche“ dürften durch die Rückkehr der Statue zerstört werden. Der Stolz der Reformation, das Zeugnis mutiger Soester Bürger – nur noch museumswert?
Die Werler Franziskaner sollten ehrfürchtig von ihrem Vorhaben Abstand nehmen.

Mit freundlichem Gruß

Manfred Such

(Manfred Such: Von 1989 bis 1990 sowie von 1994 bis 1998 war er Mitglied des Bundestages. 2002 trat er der PDS bei.)