16. Juli 2011 Manfred Such

Menschen auf Spurensuche

Manfred Such 16.07.2011


Menschen auf Spurensuche
Anmerkungen zum „Wort zum Sonntag“ von Dietrich Woesthoff

Spuren suchen, das war lange Zeit mein Beruf. Worauf kam es dabei an? Ohne hier eine kriminalistische Abhandlung anbieten zu wollen, wesentlich war, Spuren als solche zu erkennen, sie zuzuordnen, falsche oder Trugspuren zu unterscheiden und Spuren objektiv zu bewerten. Wissen, nicht glauben, war eine wesentliche Voraussetzung, über Spuren zu einem objektiv brauchbaren Ergebnis zu kommen.

Pfarrer Woesthoff beschäftigt sich in seinem „Wort zum Sonntag“ mit einer Spurensuche, die rückwärts gewandt Schlüsse zieht und die Menschen so in die Zukunft geleitet und aus dem Vergangenen „wach und aufmerksam mache (n) für unseren Weg“.
Er meint, um sich auf diesen Weg einzulassen, sei es Voraussetzung, das Leben nicht als Zufall zu sehen, sondern als etwas, das uns „zugefallen“ ist. Der Unterschied wird mir nicht ganz deutlich. Will er damit sagen, dass es uns (von Gott) „zugeworfen“ wurde? Vermutlich meint er das, denn die Betrachtung unserer „Lebensspuren“, wie er schreibt, könne uns auf Gott aufmerksam machen. Man könne Wege erkennen, die Gott uns geführt habe, Wegstrecken, auf denen er uns begleitet habe oder auf denen wir allein gegangen seien. Vermutlich meint (glaubt) Pfarrer Woesthoff, dass all’ die guten Wege von Gott begleitet waren und wir ansonsten bei den weniger guten Ereignissen und Erlebnissen von Gott verlassen waren? Könnte es auch umgekehrt sein - mal objektiv kriminalistisch gesehen?
Die Indizien weisen darauf hin, dass dieser „Gott“ eher ein gewaltsamer Zyniker ist, wenn man an so etwas überhaupt glauben will.
Von dieser schlechten Spurenbewertung durch Pfarrer Woesthoff mal abgesehen, ist auch der Glaube, ein unbeschreiblich großer Gott kümmere sich persönlich um mich, ziemlich arrogant und eitel.
Fakt ist, wir wissen (noch) nicht, ob wir Zufall sind oder nicht oder wie alles zusammenhängt. Falls sich dazu Spuren ergeben sollten, lernen wir dazu. Erziehung zum Glauben entmündigt. Sein Leben zu gestalten, in die Zukunft zu schauen und zu bewerten, geht nicht mit glauben.

Friedrich Wilhelm Weber (1817 – 1894), selbst ein gläubiger Mensch, hat allerdings gesagt:
„Wissen heißt, die Welt verstehen,
Wissen lehrt, verrauschter Zeiten und der Stunde die da flattert,
wunderliche Zeichen deuten!
Und da sich die neuen Tage auf dem Schutt der alten bauen,
kann ein ungetrübtes Auge, rückwärts blickend vorwärts schauen!“

Das war mein Schulentlassungsspruch, der mein Leben mitgeprägt hat. Von durch Glauben die Welt zu verstehen, war nicht die Rede – Wissen und Vernunft sind gefordert.
Falls Gott mal Spuren hinterlassen sollte, wissen wir mehr. Darüber würde ich mich sogar freuen.

(Manfred Such: Von 1989 bis 1990 sowie von 1994 bis 1998 war er Mitglied des Bundestages. 2002 trat er der PDS bei.)