29. August 2011 Manfred Such

Zeit und Kraft für andere? Hat Gott sie?

Manfred Such, 29.08.2011

Zeit und Kraft für andere? Hat Gott sie?

Anmerkungen zu den „Sonntagsgedanken“ von Pfarrerin Dagmar Zitzmann-Rausch, Ev. Gemeinde Werl

Frau Zitzmann-Rausch beschäftigt sich in ihrem Beitrag zu den  „Werler Sonntagsgedanken“ mit Mitleid, dem Beistand und der Tröstung Leidender. Richtig ist sicherlich, dass es vielleicht selbsttröstend sein kann, das eigene Leid am Leid anderer zu messen.  Aber bereits in dieser Selbsttröstung liegt die Gefahr, sich seelisch auf Kosten anderer, denen es schlechter geht, zu sanieren, wie sie treffend klarstellt. Der Blick „nach unten“, auf das größere Leid anderer mag vorübergehend trösten. Kommt diese Aufforderung, das eigene Leid mit dem größeren Leid anderer messen zu sollen, von außen, kann von Anteilnahme und vor allem von Mitleid nicht mehr die Rede sein, so die Pastorin.  Auch hier wird kaum jemand widersprechen wollen.
Was Leidende tröstet, findet sich in der Antwort, die Frau Zitzmann-Rausch gibt: Mitleid durch Zeit und Kraft für andere, wie sie ihren Beitrag zusammenfasst. Eigentlich würde es bis hierhin ausreichen, Mitleid und Trost für Leidende durch Zuwendung, Hilfe und Liebe auszudrücken und vor allem dafür zu appellieren.

Als Pfarrerin kommt sie offenbar nicht umhin, ihren Gott als ihren Tröster zu erfahren und zu schildern. Trost finde sie in Psalmworten und sie zitiert aus Psalm 121:
„Ich hebe meine Augen auf zu den Bergen – woher kommt mir Hilfe? Meine Hilfe kommt vom Herrn, der Himmel und Erde gemacht hat.“ Das mag jemanden Trost spenden, der alles das nicht hat, was wirklich tröstet und vor allem wirklich hilft, nämlich Zeit und Kraft für andere!

Wie einsam sind Menschen, die Trost in  wandelbaren, an Zeiten und Kulturen gebundenen, von Menschen gemachten Geistern (Göttern) suchen? Die Auswahl für solche Tröster ist so groß wie die Phantasie. Kinder, die allein gelassen sind, trösten sich mit ihrem Teddy oder einem Lieblingstier. Erwachsene?  Trost vom „Herrn ,der Himmel und Erde gemacht hat“?
Der Psalm 121 ist das Wandergebet eines Wüstenvolkes, dessen Weltbild sehr beschränkt war, das nicht wusste, was Blitz und Donner, Regen und Sturm, Sonne und Mond, Feuer und Wasser usw. sind. Müssen wir uns heute noch auf die „Weisheiten“ eines in der Wüste umherziehenden Nomadenvolkes beziehen, spenden deren Wandergebete uns wirklich Trost?

Im Psalm 121 heißt es weiter:
„Er wird deinen Fuß nicht gleiten lassen; und der dich behütet schläft nicht.
Siehe, der Hüter Israels schläft noch schlummert nicht.
Der Herr behütet dich; der Herr ist dein Schatten über deiner rechten Hand,
dass dich des Tages die Sonne nicht steche, noch der Mond des Nachts.
Der Herr behütet dich vor allem Übel; er behütet deine Seele!   
Der Herr behütet Deinen Ausgang und Eingang von nun an bis in Ewigkeit!“

Entschuldigung -  wer, welcher Priester, hatte den Mut sich das auszudenken?

Um beim Trost zu bleiben und bei dem Gedanken, sich nicht durch nach „unten“ zu blicken, wie Frau Zitzmann-Rausch schreibt, auf Kosten anderer zu „sanieren“, möchte ich doch mal nach „unten“ schauen – und zwar nach ganz unten:
Wie trösten sich die Ärmsten der Armen, die von Hunger-, Natur- und Atomkatastrophen betroffnen Menschen, wie trösten sich Menschen in Lagern politischer Terrorregime oder Menschen in Folterzellen? Noch dazu, wenn sie von dem Gott aus den Psalmen nichts gehört haben? Psalm 121, „ich hebe meine Augen auf zu den Bergen…“?
Ach so, -  „die Wege das Herrn sind unergründlich“?

„ Die äußere Situation ändert sich natürlich nicht schlagartig, aber ich begegne ihr anders mit der Gewissheit (!), Gott an der Seite zu haben, hoffnungsfroher, vertrauensvoller, kräftiger. (…) …vielleicht eröffnen sich Wege, die ich bisher nicht gesehen habe; vielleicht wird mir die Kraft zuteil, mein Leben, so wie es ist, zu tragen.“
Ich bin mir sicher, dass Frau Zitzmann-Rausch dieses denen „ganz unten“ nicht sagen will. Ihre Worte richten sich an die Leserinnen und Leser der „Sonntagsgedanken“ oder an ihre Gemeinde; an die „ganz unten“ gerichtet würde Psalm 121 zur höhnischen Fratze.

Und ich frage, ob sich Christen mit solchen Worten nicht auch damit trösten, das Leid anderer zu ertragen, wenn sie glauben, ja offenbar wissen (!), irgendwie ist Gott auch an der Seite der Leidenden und er wird es schon richten?
Religiöse Fundamentalisten halten das Leid in der Welt für gottgegeben oder sogar als gerechte Strafe.
Psalmensprüche und Götterglaube als Hindernis für  Menschlichkeit und Hemmschuh gegen Zeit und Kraft für andere?

(Manfred Such: Von 1989 bis 1990 sowie von 1994 bis 1998 war er Mitglied des Bundestages. 2002 trat er der PDS bei.)