Manfred Such, 22.08.2011
Liebt auch Andersgläubige! Und was ist mit den Ungläubigen?
Anmerkungen zum „Wort zum Sonntag“, Heinz Rademacher, Soester Anzeiger vom 20. 03. 2011
Der Appell oder die Aufforderung Heinz Rademachers in seinem „Wort zum Sonntag im Soester Anzeiger, auch Andersgläubige zu lieben, ist der typischer Versuch, die Auseinandersetzungen zwischen den Gläubigen verschiedener Religionen und die daraus entstandenen und immer wieder aktuellen Diskriminierungen, Ausgrenzungen bis hin zu Attentaten und kriegerischen Auseinandersetzungen zu verschweigen und zu verharmlosen. Einige wenige, über den Tellerrand ihres eigenen religiösen Horizonts hinaus zu blicken in der Lage gewesenen Persönlichkeiten (Herr Rademacher nennt einige Mönche), sollen das Bild einer toleranten Religionsvielfalt zeichnen.
Die Überfälle, wie sie von Christen über Jahrhunderte auf Andersgläubige verübt wurden, werden in seinem Sonntagswort zu Reisen in andere Länder: „Aus religiösen Gründen wurde gereist, es wurde gepilgert und missioniert“, schreibt Herr Rademacher.
Grauenhafte Kreuzzüge, Ermordung ganzer Völker in Amerika, vielfacher Völkermord in Europa bis in die heutige Zeit - alles vergessen?
Die blutigen Auseinandersetzungen zwischen Muslimen und Christen, zwischen Hindus und Christen und alle gegeneinander gehören zu den Nachrichten bis in unsere Tage, auch wenn sie als „ethnische Konflikte“ nachrichtenkosmetisch maskiert werden.
„Eine Welt ohne die Vielfalt der Religionen (freilich bevorzugt Herr Rademacher nur die „großen Religionen“) wäre eine ärmere Welt“, meint er und wünscht sich ihr weiteres Bestehen für mehr Menschlichkeit. Er wünscht sich Religionen, die zu mehr Menschlichkeit verhelfen und sich nicht politisch missbrauchen lassen. Ein frommer Wunsch!
Die Geschichte der Religionen, insbesondere der christlichen Religionen, zeigt ein anders Bild. Es genügt, die Bibel zu lesen, um zu wissen, wo die Ursachen für Intoleranz und Völkermord liegen, nämlich bei einem eifersüchtigen, völkermordenden Gott!
Religionen, die Staatsreligionen wurden, wie z. B. u. a. Christentum und der Islam, werden zu Huren der Politik und dienen den Mächtigen zur Verdummung und Unterdrückung der Massen! Dazu wird Hand in Hand gearbeitet. Glauben wird zur Tugend erklärt und Glaubenszweifel zur Sünde.
Mit Jesus sei alles anders, der ja Nächsten- und sogar Feindesliebe gepredigt habe, wie Herr Rademacher schreibt - und glaubt? Die Nächstenliebe Jesu bezog sich eben nicht auf Andersgläubige, die er wie Unkraut ausreißen und im Ofen verbrennen (Mat. 13,24-43) und beim jüngsten Gericht in das ewige Höllenfeuer werfen wollte (Mk 16,16 u. Mt.13, 41,42). Sieht so Nächsten- und Feindesliebe aus?
So etwas Irreales, wie Feindesliebe zu predigen, kann auch nur in dem Zusammenhang verstanden werden, wenn man das Ende der Welt als unmittelbar bevorstehend sah, man also nichts mehr zu verlieren hatte. Und wo hat Jesus seine Feinde geliebt?
Wer von Jesus fordert, er habe auch zur Liebe für Andersgläubige auffordern sollen, wie Herr Rademacher das tut, hat Jesus nicht verstanden und leidet offenbar unter den Defiziten seiner eigenen Religion.
Nicht nur die Lehre Jesu, sondern auch schon das 1. Gebot und das gesamte Alte Testament stehen der Aufforderung entgegen, Andersgläubige zu lieben.
Und was ist mit den Ungläubigen, den Menschen, die keiner Religionsgemeinschaft angehören? Sie stellen die drittgrößte Gruppe nach Christentum und Islam! Dürfen die auch geliebt werden? Oder will er auch den Dialog auf Augenhöhe mit ihnen, wie Herr Rademacher ihn zwischen Andersgläubigen fordert?
Mit aufgeklärten Menschen dürfte das kaum möglich sein, da sich Glauben und Wissen, Vernunft und Aberglauben, religiöser Fanatismus und evolutionärer Humanismus nicht vereinbaren lassen.
Welchen Dialog soll es zwischen Ungläubigen und Gläubigen geben und wo liegt überhaupt der Unterschied zwischen Glaube und Aberglaube? Das sollten die Gläubigen zuvor mal unter sich klären.
Eine Welt ohne Religionen wäre nicht ärmer, sondern fortschrittlicher, humaner, toleranter, demokratischer und vor allem friedlicher.
(Manfred Such: Von 1989 bis 1990 sowie von 1994 bis 1998 war er Mitglied des Bundestages. 2002 trat er der PDS bei.)