8. Oktober 2011 Manfred Such

Die Thesen Feuerbachs ...

Manfred Such, 08.10.2011

Die Thesen Feuerbachs als Motivation für einen lebendigen Glauben?
Anmerkungen zu den „Sonntagsgedanken“ von Propst Michael Feldmann, St. Walburga, Werl

Die zentrale Aussage des großen Philosophen und Religionskritikers Ludwig Feuerbachs lautet:
„Der Mensch schuf Gott nach seinem Bilde“! Anders ausgedrückt bedeutet das, dass Gott ein Phantasiegebilde des menschlichen Geistes ist, in dem sich Wünsche, Hoffnungen und Erwartungen spiegeln. Propst Feldmann ist in seinen „Sonntagsgedanken“ bereit, diese „Projektion“, wie sie von Feuerbach beschrieben wurde, gelten zu lassen. Großzügig bemerkt Propst Feldmann: „Kritik ist erlaubt, Atheismus auch“!  Beides allerdings Haltungen, die nach der Lehre der Kirche bis heute ewige Verdammnis bedeuten. Mit der Drohung, „da wird Heulen und Zähneklappern sein“, die dem Jesus von Nazareth in den Mund gelegt wird, wird Feldmanns „Toleranz“ in diesem Zusammenhang zum Zynismus. Vor nicht allzu langer Zeit brannten für Atheisten und Kritiker noch die Scheiterhaufen. Das aber nur am Rande.

Den wissenschaftlichen, vernunftgeleiteten Thesen Feuerbachs will Propst Feldmann nun ein „festes Credo“, also ein Glaubensbekenntnis, als Mahnung entgegensetzen. Und damit trifft Vernunft auf (Aber-) Glauben. Die Analyse des Agnostikers oder Pantheisten Feuerbachs, „wo der Glaube an die Mutter Gottes sinkt, da sinkt auch der Glaube an den Sohn Gottes und den Gott Vater“, wird von Propst Feldmann als Klage interpretiert und zum Ansporn, Marienverehrung zu predigen. Feuerbachs Analyse aus seinem Aufsatz „Über das Wesen des Christentums“ beinhaltet jedoch kein Bedauern über Mangel an Gläubigkeit. Und es wird geradezu grotesk, Feuerbach zum Stichwortgeber für Retter des Glaubens umzufunktionieren. Beten (probates Mittel zur Problemlösung?) sollte Herrn Feldmann reichen!

Im zweiten Teil seiner „Sonntagsgedanken“ versucht Propst Feldmann, die Werler Marienverehrung und die damit verbundenen Wallfahrtsrituale, „Bitten, Sorgen, Sehnsüchte, Nöte“ aber auch „Dank, Lobpreis, Hoffnung und Freude“ zur „Trösterin der Betrübten“ zu tragen und vor der Ringpfostenstuhlmadonna abzulegen, vor der von Feuerbach beschriebenen Projektion zu schützen. Michael Feldmanns rhetorisch gestellte Fragen nach den Projektionseigenschaften der Wallfahrtsrituale, die er natürlich unbeantwortet lässt, sollen suggerieren, dass Marienfrömmigkeit kein Selbstzweck und kein Götzendienst sind? Seine Antworten sind allerdings nur Behauptungen, die er aus (von der Kirche selbst gemachten, selbst ver- und gefälschten) Bibelgeschichten und Zitaten aus dem Leben der angeblichen Gottesmutter zusammen schneidet, so wie sich die Kirche die Marienverehrung zusammengebastelt hat.
Wie soll man es nennen, mit persönlichen Anliegen oder Sehnsüchten vor eine Holzstatue zu treten und zu hoffen, dass Wünsche erfüllt, Nöte gelindert und Leiden geheilt werden? Vor den Altären der Götter dieser Welt, es dürften einige Tausend sein, wurde und wird solches Handeln mit Blick von einem zum anderen (Aber-)Gläubigen in maßloser Selbstherrlichkeit als Götzendienst bezeichnet! Und was steckt anderes dahinter als Selbstzweck und Projektion? Abwehrmechanismen, die Wünsche und Emotionen auf die Trösterin der Betrübten projizieren! Wenn es hilft? Was hat das mit Maria zu tun?
„Damit der Glaube nicht sinkt“, wünscht sich Propst Feldmann, angespornt durch den Religionskritiker Feuerbach, im Rhythmus von Beten und Dasein zu bleiben und sich meditierend die zentralen Glaubensgeheimnisse im sich wiederholenden Rhythmus von Leben, Sterben und Auferstehen (Letzteres fällt allerdings total aus dem Rhythmus) durch Rosenkranzbeten ins Gehirn zu waschen.
Wem schwimmen die Felle - oder besser - laufen die Schäfchen weg?

(Manfred Such: Von 1989 bis 1990 sowie von 1994 bis 1998 war er Mitglied des Bundestages. 2002 trat er der PDS bei.)