Leserbrief zum Artikel „Während der Arbeitslosigkeit vergessen, an sich zu glauben“; im Wochentip Nr. 27 vom 08. Juli 2009, Seite 2
Die veröffentlichten Aussagen des Arbeitsvermittlers Karl-Heinz Konrad von „AHA“ (Arbeit Hellweg Aktiv) vermitteln mir den Eindruck, als solle den Betroffenen und der Öffentlichkeit „Sand in die Augen gestreut“ werden!
Durch die – sicherlich richtige – Feststellung, dass ältere Langzeitarbeitslose oft verzweifelt seien, wogegen dann in speziellen Maßnahmen (wie hier „AktivTeam 50+“) angegangen werden soll, und zwar durch die Auseinandersetzung mit Themen wie „Motivation, Stressbewältigung, Konflikttraining sowie Fremd- und Selbstwahrnehmung“.
Diese Begrifflichkeiten erzeugen (gewollt?) den Eindruck, als sei Langzeiterwerbslosigkeit in erster Linie ein psychosoziales Problem, welches die davon Betroffenen womöglich auch noch selber verursacht haben.
Nirgends aber ist in der im Artikel vorgestellten und angebotenen angeblich „intensiven“ Beratung die Rede davon, wie die Realität von denjenigen, die über 50 Jahre alt sind, und „Leistungen nach dem Zweiten Sozialgesetzbuch erhalten“ (wie es hier so vornehm ausgedrückt wird, statt einfach „Hartz IV“ zu sagen, was einen wesentlich negativeren Beigeschmack hat, welcher der Realität allerdings auch näher kommt), wirklich aussieht:
Denn die Realität ist zum einen dadurch gekennzeichnet, dass es für über 50 jährige so gut wie keine akzeptable Arbeit mehr gibt; wenn überhaupt, dann gibt es allenfalls Tätigkeiten im Niedriglohnsektor oder in der Leiharbeit! Die im letzten Sommer/Herbst einsetzende Wirtschafts- und Finanzkrise hat aber überdeutlich gezeigt, dass Beschäftigte in der Leiharbeit als erstes ihre Arbeitsstellen wieder verlieren.
Wenn die Agentur für Arbeit keine Arbeit vermitteln kann, - weil es ganz einfach nicht genügend davon gibt, dann ist der Hinweis auf irgendwelche angeblich sinnvollen psychosozialen Maßnahmeangebote und –ziele, wie etwa „Mut machen“ und „Begleitung bei der Suche nach einem geeigneten Arbeitsplatz“ von vorne herein doch ziemlich sinnlos!
Zweitens ist die Realität dadurch gekennzeichnet, dass Langzeiterwerbslose, - gerade auch über 50 jährige, die jahrelang vorher gearbeitet und Sozialbeiträge eingezahlt haben, - von Arbeitslosengeld II (ALG II = Hartz IV“) „leben“ müssen! Dabei ist jedem davon Betroffenen überdeutlich aus leidvoller Erfahrung bekannt, dass diese „Leistung“ vorne und hinten für ein halbwegs menschenwürdiges Leben niemals ausreicht!
Zu diesen Aspekten allerdings äußert sich „Arbeit Hellweg Aktiv“ nie; zumindest ich habe dies noch nie erlebt!
Durch so eine Vorgehensweise versuchen die zuständigen Behörden im Zuge der dort immer noch vorherrschenden neoliberalen Sichtweise Langzeiterwerbslosigkeit zu individualisieren, statt deutlich zu machen, dass dies u. a. ein Problem unserer kapitalistischen Wirtschaftsordnung ist, wogegen es anzukämpfen gilt!
Martin Rediker
(Betroffener Langzeiterwerbsloser, über 50 Jahre alt)